Die Linie Nebraska – Hamburg – Thüringen


Gary Lauck und Michael Kühnen (Screenshot aus „Wahrheit macht frei“)

Lincoln, Nebraska. Anfang der 1970er Jahre ist der noch minderjährige Gerhard „Gary“ Lauck schon ein beschriebenes Blatt in der US-amerikanischen Neonazi-Szene. Schon als Schülersprecher galt der Amerikadeutsche als glühender Verehrer von Adolf Hitler, war von der unbedingten Führerschaft der NSDAP überzeugt und galt bei seinen Mitschülern als rechte Nervensäge. Kaum volljährig, wurde er bereits Propagandachef der „National Socialist Party of America“ mit Sitz in Chicago/Illinois.
1971/72 gründete er in Lincoln die NSDAP/Aufbauorganisation (AO), deren vorrangiges Ziel die Wiederzulassung der NSDAP in Deutschland war und ist und aufgrund der liberalen US-amerikanischen Rechtsordnung jahrzehntelang als der führende Vertrieb für NS-Devotionalien, Propagandamaterial und andere menschenverachtende Dinge (wie z.B. „Nazi-Doom“ für PCs).
Soweit die NSDAP/AO in der Öffentlichkeit überhaupt Beachtung fand und/oder durch die deutschen Sicherheitsbehörden bewertet wurde, gab es seit ihrem Anfang den starken Hang zur Verniedlichung bzw. zum Herunterspielen ihrer Ziele und ihres wahren, selbstdefinierten Kerns. So gilt Gary Lauck bis heute mit Braunhemd und Parteibinde als peinliche Hitler-Karikatur. Dies täuscht bis und lenkt vom Programm ab, welches Lauck der Aufbauorganisation 1976 gab:

Solange die Volksmasse noch nicht den Punkt erreicht hat, wo sie den bewaffneten Kampf gegen eine – auch von ihr, nicht nur von den „Befreiern“ – als eine verbrecherische Diktatur betrachtete und daher verhasste Herrschaft als die einzige Alternative anerkennt und mit vollem Herzen bejaht, ist dieser Weg für eine nationale Befreiungsbewegung ungangbar, vor allem wenn – wie in unserem Falle – die unerläßlichen materiellen Vorbedingungen fehlen.
Quelle: Die NSDAP/AO: Strategie, Propaganda und Organisation (1976)

Schnell breitet sich der Einfluss von Laucks NSDAP/AO auch in Europa, und vor allem in Deutschland aus. Vor allem in den Organisationsstrukturen der noch jungen NPD und hier besonders in den Reihen der JN, bilden sich schnell NSDAP/AO-Strukturen.

In Hamburg gehört bereits in sehr jungen Jahren einer der nur wenige Jahre später unbestrittenen Neonazi-Führer Westdeutschlands zu diesem tatsächlich mehr verflochtenem denn losem Netzwerk: Michael Kühnen. Bereits mit 14 Jahren wird Kühnen Mitglied von JN und NPD, schließt sich nach Aktivitäten u.a. bei der Aktion Widerstand nach seinem Rauswurf aus Bundeswehr und Bundeswehrhochschule 1977 der NSDAP/AO an. Zur Camouflage – denn die AO ist auch im Eigenverständnis eine konspirative Untergrundorganisation – fungiert der „Freizeitverein Hansa“, im offiziellen Sprachgebrauch „Hansa-Bande“ genannt, welche später von der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) abgelöst wird. Schon damals mit dabei: Der 21-jährige Christian Worch, Rechtsanwaltgehilfe aus Hamburg.

Kühnen, der ideologisch der historischen NSDAP vor allem in ihrem blinden Gehorsam ein negatives Zeugnis ausstellt (und damit öfter bei revisionistischen Kameraden aneckt), definiert die besondere Rolle der Aufbauorganisation und liefert ihr letztes Ziel gleich mit:

In den Reihen der NSDAP/AO ist das Führerprinzip am reinsten verwirklicht, besser vielleicht als selbst im Dritten Reich. In den Reihen dieser Untergrundbewegung bildet sich eine kämpferische Elite heraus, die vielleicht schon bald die Verantwortung übernehmen muß für unser Volk (…) Die neuen Herren werden hart sein, stolz auf ihre Überzeugung und auf ihre Opfer, die sie zu bringen hatten; sie werden ihr Volk lieben und nicht verraten; sie werden die Armut und die Verzweiflung kennen, aber gelernt haben, daß der Wille alles zwingt. Sie werden gestählt sein durch die Verfolgungen, sie werden ihre Gegner kennen und stellen
Quelle: Michael Kühnen, Die Zweite Revolution, Bd. I, Glaube und Kampf

Hier, und nicht nur hier, wird deutlich, dass in der (laut damaliger Behördeneinschätzung) hitleristisch-revisionistischen NSDAP/AO sowie artverwandten Vereinen die Gewaltanwendung vielleicht nicht als erstes, aber als notwendiges taktisches Moment (bei gegebener Zeit) zwingend mitgedacht wurde und stets wird.

Bei Gary Lauck liest sich das noch direkter und sollte zu einem Umdenken für die deutschen Verhältnisse im Hinblick auf die NSU-Morde führen. So zitiert der Informationsdienst gegen Rechtsextremismus (IDGR) aus einem Exemplar der NSDAP/AO-Postille „NS-Kampfruf“ (der Link innerhalb des IDGR ist leider mittlerweile inaktiv):

Zuerst werden dann die Türken nach Hause gejagt – und wenn sie nicht schnell genug gehen, werden sie erschossen. Dann kommen die Liberalen an die Reihe. Die wollen doch Rassenvermischung. Also schicken wir sie nach Afrika

Zusammen gedacht mit der Panik vor Überfremdung, welche es bis heute in jedes rechte Parteiprogramm geschafft hat, zeigt sich hier schon eine Handlungsanleitung, angelehnt an die deutschen Verhältnisse.
Gary Lauck selbst wird im Laufe der Jahre mehrfach von der deutschen Polizei festgenommen, als er in die Bundesrepublik einreist. Stets ist der folgende Anklagevorwurf auf die Verbreitung verfassungsfeindlicher Schriften und Propagandadelikte eingeengt. Auf die Verbindung zu und gar die Förderung rechtsterroristischer Organisationen wird meist weder hingewiesen, noch werden bestehende Verbindungen justiziell verfolgt.
Und dies, obwohl gerade die deutschen Sicherheitsbehörden innerhalb der NSDAP/AO über ein engmaschiges Netz aus Informanten, V-Leuten und Kontaktpersonen verfügen.
So verfügt das BfV bereits 1973 mit Werner Gottwald über eine Quelle in der Organisation, welcher bis 1980 aus den Strukturen der Lauck-Organisation und gleichzeitig der NPD berichtete.
Gerade volljährig, bietet sich Thomas Richter, damals schon führender NSDAP/AO-Kader in Sachsen-Anhalt, der Polizei als V-Person an. Schließlich landet er als V-Mann „Corelli“ beim BfV und berichtet bis zu seiner Enttarnung 2012 aus rechten Kreisen. „Corelli“ hat erwiesenermaßen Umfeld-Kontakte zum untergetauchten NSU-Kerntrio.

Überhaupt waren die deutschen Sicherheitsbehörden sehr wohl darüber informiert, was im Netzwerk des Gary Lauck so vor sich ging. Zwar ist die NSDAP/AO bis heute streng konspirativ tätig – so wird bei schriftlicher Kontaktaufnahme auf absender- und adressatenfreie Kommunikation via Postfächer sowie die Ersetzung von Klarnamen durch Kennnummern Wert gelegt. Trotzdem konnten das BKA sowie das BfV 1996 dieses Netzwerk über die Nachverfolgung der Post sowie V-Personen das Netzwerk relativ lückenlos darstellen. Nach Darstellung von Stefan Aust und Dirk Laabs verfügte das BKA 1996 über 123 Kontaktpersonen, darunter 12 V-Personen innerhalb der deutschen Sektionen der NSDAP/AO (vgl. „Heimatschutz“, S. 93f.).

Auf dieser Grundlage nahm die dänische Polizei Lauck nach deutschen und FBI-Hinweisen 1995 nahe Roskilde fest und lieferte ihn nach Deutschland aus, wo ihm vor dem Landgericht Hamburg der Prozess gemacht wurde, welcher mit einer Haftstrafe von vier Jahren sowie einem lebenslangen Wiedereinreiseverbot endete.

Bereits seit 1992 war Harald Neubauer Geschäftsführer des in Coburg ansässigen Verlags „Nation und Europa“, welche bis zur Übernahme durch den rechten Verleger Munier 1999 die gleichnamige Zeitschrift herausgab. Bei ebenjener Zeitung, bei welcher ab Mitte/Ende der 1990er Jahre der Kopf des Thüringer Heimatschutz und langjähriger V-Mann des TLfV, Tino Brandt, als kaufmännischer Angestellter sowie Verlagsvolontär arbeitete.
Das apabiz führte zu einer der Führungspersonen der NSDAP/AO bzw. einer ihrer Vorfeld-/Legalorganisationen ebenfalls den Bayerischen Neonazi und V-Mann Kai Dalek, der schon ganz früh über die V-Mann-Tätigkeit des Tino Brandt durch diesen informiert war und als Schlüsselperson im erweiterten NSU-Netzwerk gilt. (Link)

Neubauer übernahm die Verlagsleitung in einer Zeit, in welcher er selbst für die Republikaner noch Abgeordneter im Europäischen Parlament gewesen ist (Mitgliedschaft 1989-1994).

In der TV-Dokumentation „Wahrheit macht frei!“ (1991) des deutschen Filmemachers Michael Schmidt, welche dieser in über 2,5 Jahren Recherchearbeit erst im dänischen und dann auch beim WDR zeigen ließ, bezichtigte Michael Kühnen in Gegenwart Gary Laucks Frank Naubauer als Mitglied bzw. ehemaliges Mitglied der NSDAP/AO mit durchaus aktiver Rolle.
Neubauer widersprach dem damals vehement, während Laucks auf die Frage, ob die NSDAP/AO über EU-Parlamentarier verfüge, lediglich „keinen Kommentar“ abgab.
Interessant gerade an dieser Dokumentation (Link) ist das selbstverständliche Beieinander von Geschichtsrevisionisten wie David Irving und Gary Lauck mit westdeutschen Neonazis wie Michael Kühnen, dem damals sich selbst als „Führer von Hamburg“ betitelnden Christian Worch sowie eben benanntem Harald Neubauer.

Offen bleibt, wie dicht man die Verbindungslinie des Rechtsterrorismus von der Entstehung der NSDAP/AO (vielleicht vorher auch der bundesdeutschen NPD) bis hin zum NSU zeichnen kann.
Zweifellos gibt es personell sowie ideologisch/taktisch ungebrochene Linien rechtsradikaler und auch rechtsterroristischer Organisationen von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart.

Folgende Untersuchungsausschüsse und auch der Münchener NSU-Prozess müssen sich genau dieser Fragestellung annehmen.
Wenn dies weitere 2,3 oder 4 Jahre dauern sollte: Umso besser.

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